Chronik Teil 7: Aufstiegsdrama gegen Havelse

21.11.2012 von Thomas Nöllen

Die „Affäre Kubsch“ kostete dem VfB den Aufstieg

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Der VfB Lübeck hat in seiner großartigen Historie viele interessante, spannende, schöne, tragische, traurige und witzige Geschichten geschrieben. VfB-Fan Thomas Nöllen hat sich intensiv mit der grünweißen Vergangenheit auseinander gesetzt, sich mit Zeitzeugen unterhalten, in Archiven gestöbert und ist dabei auf bekannte und sicherlich auch der großen Mehrheit unbekannter Geschichten gestoßen. In schöner Regelmäßigkeit gibt es diese Geschichten hier auf unserer Website zum Nachlesen und schmöckern. Weitere Geschichten, wie zum Beispiel die über unser Stadion oder von den alten Stadtderbys gibt es online in der Chronik oder im Buch „Eine Liebe in Grünweiß“. Heute beschäftigen wir uns, passend zu unserem nächsten Gegner, mit einer Aufstiegsrunde und zwei Spielen gegen den TSV Havelse.

Die Saison 1954/55 war für den VfB eine ganz besondere Spielzeit, denn die Grünweißen gingen zum wiederholten Male mit einer ganz neuen Mannschaft an den Start. Reinhold Ertel, Kurt Röwe, Heinz Patzig, Klaus Zimdars, Hans Nebelung und Kurt Müller waren nicht zu halten. Im Gegenzug kamen erfahrene Spieler wie Heinz Ranzog, Günther Herzberg, Arno Purrucker, Gerhard Käselau und Johannes „Hansi Kubsch“ zur Lohmühle. Herbert Panse, ehemals Ligaspieler beim Eimsbütteler TV und Nationalspieler unter Sepp Herberger, übernahm die Verantwortung für das VfB-Team, und es sollte spielerisch wieder nach oben gehen.

Die Meisterschaft dominierte der VfB nach Belieben. Die Erfolgsserie der Grünweißen begann am 28.11.1954. Das Team blieb in 19 aufeinanderfolgenden Meisterschaftsspielen ungeschlagen und erzielte 35:1 Punkte und 51:6 Tore. Ein grandioses Ergebnis für die neu formierte Mannschaft. Der VfB sicherte sich damit ungefährdet die Meisterschaft in der Amateurliga Schleswig-Holstein und qualifizierte sich gleichzeitig für die Aufstiegsrunde zur Oberliga Nord.

In dieser Aufstiegsrunde traf der VfB auf die Mannschaften von SV Eintracht Nordhorn, SC Concordia Hamburg und TSV Havelse. Die Spiele gegen den TSV Havelse sollen bei diesem Rückblick im Fokus stehen.

Nach Siegen gegen Concordia (1:0) und Nordhorn (2:0) trat der VfB am 22.05.1955 zum dritten Aufstiegsspiel beim TSV Havelse an. Bei einem Sieg hätte den Grünweißen der Aufstieg in den verbleibenden drei Spielen, davon zwei zu Hause, kaum noch genommen werden können.

Der TSV wurde vom Direktor des Niedersachsen-Toto, Göing, geführt und somit war die Gemeinde Havelse in dieser Zeit das Sammelbecken für gestandene Oberligaspieler wie Horst Gailus (Arminia Hannover), Alfred Pischl (Hannover 96) und Rudolf Rosenzweig (Wacker 04 Berlin). Nur dadurch konnte sich die Mannschaft als Tabellenzweiter der Amateuroberliga Niedersachsen Staffel West für die Aufstiegsspiele qualifizieren.

Der VfB, der erst am Spieltag mit dem Zug aus Lübeck angereist war, spielte in Havelse vor 3.000 Zuschauern und bot keine überzeugende Leistung, die Aktionen der Lübecker wirkten lahm und lustlos. Vielleicht lag es an dem ungewohnten Grandplatz, dem schweren Unfall von TSV-Spieler Horst Gailus in der 12. Minute, an den unverständlichen Entscheidungen von Schiedsrichter Seekamp oder an das fehlende Schussglück gegen einen glänzend aufgelegten TSV-Torhüter Kegel. Die Nervosität der Grünweißen war deutlich spürbar, denn die Spieler meckerten sich an und machten sich während des Spiels gegenseitig Vorwürfe. Lediglich auf Felgenhauer, Kiow und Wlasny war Verlass. Die Niedersachsen, die durch die Verletzung von Gailus (doppelter Schien- und Wadenbeinbruch) mit nur zehn Spielern agierten, waren ein ebenbürtiger Gegner und streckenweise sogar die überlegende Mannschaft. Die zehn Havelser waren nicht nur mit dem „steifen“ Wind im Rücken bis zur Pause, sondern auch nach dem Seitenwechsel über weite Strecken tonangebend. Es dauerte bis zur 78. Spielminute, ehe die Entscheidung fiel. TSV-Spieler Pischl stoppte eine Flanke von Peters unnötig im Strafraum mit der Hand und es gab Elfmeter für den VfB. Mit eiskalter Ruhe und einem „Bombenschuss“ vollstreckte Wlasny unhaltbar für TSV-Torhüter Kegel zur glücklichen 1:0-Führung. Bei diesem Ergebnis blieb es bis zum Schlusspfiff und der VfB war alleiniger Tabellenführer der Aufstiegsrunde (Staffel A).

VfB Lübeck: Felgenhauer, Hoppe, Schröder, Raddatz, Kiow, Wlasny, Käselau, Denker, Herzberg, Kubsch, Peters

Tor: 1:0 Wlasny (Handelfmeter)

1.000 VfB-Anhänger, die nicht die Gelegenheit hatten, mit nach Havelse zu fahren, verfolgten die zweite Halbzeit für einen Unkostenbeitrag von 0,60 DM (Erwachsene) bzw. 0,30 DM (Jugendliche) über eine gemietete Telefonleitung auf der Lohmühle. Die Verständigung bei dieser Telefonübertragung war ausgezeichnet. Der Jubel auf der Tribüne wollte kein Ende nehmen, als das „goldene“ Tor durch Rudolf Wlasny gefallen war. Die Fans waren aus dem Häuschen und träumten schon von der Oberliga und von Gegnern wie Werder Bremen und den Hamburger SV.

Bereits eine Woche später (29.05.1955) kam es in Lübeck zum Rückspiel gegen den TSV. Diese Partie stand aber unter dem Einfluss des Urteils vom NFV (Norddeutscher Fußballverband), der die VfB-Siege gegen Nordhorn (2:0) und Havelse (1:0) wegen der Affäre um VfB-Spieler Johannes „Hansi“ Kubsch annullierte. Dazu aber später mehr.

Vor 8.000 Zuschauern spielte der VfB ohne Kubsch, aber auch ohne Nerven und Selbstvertrauen. Die Mannschaft war nicht wiederzuerkennen, das Urteil war den Spielern wie Blei in die Glieder gefahren. Von Felgenhauer bis Käselau blieben alle Spieler unter ihrer Normalform. Bereits nach 65. Minuten führten die Gäste durch Tore von Nordhorn, 2x Rosenzweig und Bewig 4:0. Hoppe und Ranzog verkürzten dann auf 2:4 und es kam noch zu tollen Situationen im Strafraum der Niedersachsen. Die Grünweißen waren aber zu spät aufgewacht und so blieb es bei der ersten Niederlage seit dem 28.11.1954. Eine VfB-Mannschaft in Normalform hätte den TSV immer glatt geschlagen.

VfB Lübeck: Felgenhauer, Hoppe, Schröder, Raddatz, Kiow, Wlasny, Käselau, Denker, Herzberg, Ranzog, Peters

Tore: 1:0 Nordhorn, 2:0 Rosenzweig, 3:0 Rosenzweig, 4:0 Bewig, 4:1 Hoppe, 4:2 Ranzog

Die „Affäre Kubsch“ – Was war passiert?

Johannes „Hansi“ Kubsch war zu Saisonbeginn vom SC Concordia Hamburg zum VfB zurückgekehrt. Bei der Rückkehr auf die Lohmühle wurde die erforderliche Sorgfalt beim Spielerpass und den Papieren nicht an den Tag gelegt. Nach dem tollen Start in die ersten Aufstiegsspiele des VfB erinnerten sich die Hamburger Verantwortlichen daran, dass Kubsch dem Verein Mitgliedsbeiträge in Höhe von 37,80 DM schuldete und die damals erteilte Freigabe für den VfB somit nichtig war. Kurios war, dass Kubsch nur in den Spielen gegen Nordhorn und Havelse zum Einsatz kam, denn beim Spiel gegen Concordia war er verletzungsbedingt nicht eingesetzt worden.

Der Fußballverband schloss sich der Meinung der Hamburger an und die Siege gegen Nordhorn und Havelse wurden annulliert. Der VfB verzichtete auf eine Wiederholung, daraufhin wurden die Spiele gegen die Grünweißen gewertet.

Die Enttäuschung in Lübeck war natürlich riesengroß und äußerst verständlich. Die „Rückspiele“ in der Aufstiegsrunde wurden alle verloren. Mit einer gewissen Genugtuung wurde in Lübeck dann zur Kenntnis genommen, dass Nordhorn und nicht Concordia in die Oberliga Nord aufstieg. So ist Fußball!