VfB Chronik Teil 3

15.03.2012 von Florian Möller

Lübecker Stadtderbys waren echte Zuschauermagneten (3)

Der VfB Lübeck hat in seiner großartigen Historie viele interessante, spannende, schöne, tragische, traurige und witzige Geschichten geschrieben. VfB-Fan Thomas Nöllen hat sich intensiv mit der grünweißen Vergangenheit auseinander gesetzt, sich mit Zeitzeugen unterhalten, in Archiven gestöbert und ist dabei auf bekannte und sicherlich auch der großen Mehrheit unbekannter Geschichten gestoßen. Wöchentlich gibt es diese Geschichten nun hier auf unserer Website zum Nachlesen und schmöckern. In der vergangenen Woche starteten wir mit einer kleinen Serie zu den wirklich wahren Derbys, den Stadtderbys mit dem LBV Phönix. Heute folgt der dritte Teil.

Nachdem der VfB in die Landesliga Schleswig-Holstein abgestiegen war, gab es in der Saison 1950/51 erstmals wieder Stadtderbys um Punkte gegen den LBV. Die Grünweißen gewannen beide Spiele (2:1 und 4:3) und wurden überlegen Meister, scheiterten in der Aufstiegsrunde aber an SC Victoria Hamburg und den Lüneburger SK.

In der folgenden Spielzeit konnte der LBV endlich mal wieder den Spieß umdrehen, und den VfB in einem Punktspiel mit 2:1 besiegen. Mit insgesamt nur vier Niederlagen und einer erfolgreichen Aufstiegsrunde zog der VfB zur Saison 1952/53 wieder in die Oberliga Nord ein, wo er für die nächsten zwei Jahre ohne den LBV aktiv war. 1954 stieg der VfB erneut ab und beide Teams spielten für drei Jahre gemeinsam in der Amateurliga Schleswig-Holstein. Mehr als Achtungserfolge in Form von Unentschieden war für die Adlerträger aber in dieser Zeit nicht drin.

Im Januar 1957 war Lübeck dann vom „Fußball-Fieber“ erfasst. An Stammtischen, in Straßencafés, in Büros, überall wurde über das stattfindende und möglicherweise meisterschaftsentscheidende Lübecker Stadtderby zwischen Phönix und dem VfB diskutiert. Nach dem Oberligaabstieg des VfB wurde kein Fußballspiel in Lübeck mit größerer Spannung erwartet.

Seit Kriegsende trafen die Grünweißen und die Blau-Weiß-Roten noch nie als Spitzenmannschaften aufeinander. In keinem Lokalderby ging es bisher um die Alleinführung in der Amateurliga. Für Lübeck bestand erstmals die Möglichkeit, dass beide Traditionsvereine in die Aufstiegsspiele zur Oberliga Nord einziehen. Selbst im Rathaus war die Spannung zu spüren. Stadtpräsident Werner Kock tippte ein Unentschieden, so wurde er als Stadtvater beiden Klubs gerecht. Auf schwer bespielbarem Boden endete das Spiel auf dem Flugplatz vor 12.000 Zuschauern 0:0. Der VfB war weiterhin vor dem LBV alleiniger Tabellenführer.

Die VfB-Mannschaft blieb in der Saison 1956/57 in 28 Punktspielen ungeschlagen. Mit 21 Siegen, 7 Unentschieden und nur zwei Niederlagen (2:3 gegen VfB Kiel und 0:1 gegen ETSV Gut Heil Neumünster) wurde der VfB nach einem dramatischen Saisonverlauf mit zwei Punkten Vorsprung vor dem LBV Phönix Meister der Amateurliga Schleswig-Holstein. Beide Mannschaften hatten sich aber für die Aufstiegsrunde qualifiziert und die Fans beider Lager freuten sich auf spannende Spiele auf der Lohmühle und auf dem Flugplatz.

2. Juni 1957 war ein sporthistorischer Tag für Lübeck

Vor dem letzten Spiel lag der VfB mit 5:5 Punkten auf dem dritten Platz in der Aufstiegsrunde der Staffel A und es schien bereits alles gelaufen zu sein. Am 2. Juni 1957 kam Tabellenführer VfB Peine auf die Lohmühle. Peine war über die gesamte Spielzeit die bessere Mannschaft und der VfB konnte sich bei „Jonny“ Felgenhauer bedanken, dass es nach 82. Minuten noch 0:0 stand. In der 83. Spielminute geschah dann die Szene, die die anwesenden Zuschauer und beteiligten Spieler wahrscheinlich nie in ihrem Leben vergessen haben. Peines Verteidiger Gehrmann spielte völlig unnötig den Ball zu seinem im Tor stehenden Schlussmann Bolchert zurück. Er machte das so lässig, dass der unvergessene Feuerwehrmann Karl-Heinz „Heini“ Schröder den Braten roch und dazwischen spritzte. Er lief auf das Peiner Tor zu und hob das Leder ruhig und gekonnt über den Peiner Tormann hinweg zum umjubelten 1:0-Siegtreffer ins Netz. Mit diesem nicht erwarteten Sieg verdrängten die Grünweißen den VfB Peine tatsächlich noch von der Tabellenspitze. Bedanken konnte sich der VfB aber bei der SV Union Salzgitter, die zeitgleich den Tabellenzweiten SC Sperber Hamburg mit 3:1 schlug. Der Aufstieg in die Oberliga Nord war somit perfekt und 11.000 Zuschauer lagen sich in den Armen und feierten ihre VfB-Mannschaft.

In Lübeck wurde an diesem Tag aber doppelt gejubelt, denn auch Lokalrivale LBV Phönix stieg durch einen 1:0-Sieg beim TSV Uetersen in die Oberliga Nord auf. Die Adlerträger waren damit Sieger der Aufstiegsrunde Staffel B, denn der bis dahin größte Konkurrent VfB Oldenburg hatte überraschend beim Bremer SV mit 0:2 verloren.

Der 2. Juni 1957 ging somit in die Sportgeschichte der Hansestadt Lübeck ein. Zwei Lübecker Vereine in der ersten Liga. Diese Konstellation gab es in der Hansestadt zuletzt in den dreißiger Jahren. In der Zuschauergunst hatte der VfB zwar immer die Nase vorn, doch der LBV hatte durch diese Leistung auch einmaliges geschafft und in der kommenden Spielzeit gab es Stadtderbys in der höchsten deutschen Spielklasse.

Abschlusstabelle Aufstiegsrunde 1956/57 Staffel A

Sp. Tore Diff. Punkte
1. VfB Lübeck 6 8:4 4 7:5
2. VfB Peine 6 7:4 3 6:6
3. SC Sperber Hamburg 6 7:7 0 6:6
4. SV Union Salzgitter 6 6:13 -7 5:7

Abschlusstabelle Aufstiegsrunde 1956/57 Staffel B

Sp. Tore Diff. Punkte
1. Lübecker BV Phönix 6 9:8 1 8:4
2. VfB Oldenburg 6 11:7 4 6:6
3. Bremer SV 6 9:10 -1 6:6
4. TSV Uetersen 6 6:10 -4 4:8

Wenn Sie mir Ihre ganz persönliche VfB-Geschichte erzählen möchten, dann schreiben Sie eine E-Mail. An dieser Stelle möchte ich alle Fans des Lübecker Fußballsports bitten, uns Fotos aus den Stadtderbys zu schicken. Sie erreichen mich unter chronik@vfb-luebeck.de.

Mit grünweißen Grüßen verbleibe ich für heute.

Ihr Thomas Nöllen

Geschichten dieser Art und noch viel mehr können Sie im Buch „Eine Liebe in Grün-Weiß“ nachlesen, das für 24,95 Euro in unserem Onlineshop und im Servicecenter erhältlich ist.