VfB Chronik Teil 5: Die Lohmühle

25.04.2012 von Thomas Nöllen

Eine unendliche grünweiße Ge schichte (1)

Der VfB Lübeck hat in seiner großartigen Historie viele interessante, spannende, schöne, tragische, traurige und witzige Geschichten geschrieben. VfB-Fan Thomas Nöllen hat sich intensiv mit der grünweißen Vergangenheit auseinander gesetzt, sich mit Zeitzeugen unterhalten, in Archiven gestöbert und ist dabei auf bekannte und sicherlich auch der großen Mehrheit unbekannter Geschichten gestoßen. Nach den englischen Wochen geht es mit dieser Serie nun hier auf unserer Website weiter mit interessanten Storys zum Nachlesen und schmöckern. In den vergangenen Wochen haben wir uns mit den Derbys mit dem LBV Phönix beschäftigt, oder großen VfBern wie Lothar Kröpelin. Ab heute nun beschäftigen wir uns mit der Geschichte unseres Stadions.

Seit dem 23. November 2011 ist es amtlich und verkündet. Ab sofort spielen die Regionalligakicker im „PokerStars.de – Stadion an der Lohmühle.“

PokerStars.de erwarb das Recht, den Namen des Stadions Lohmühle zu benennen und für Werbezwecke zu nutzen. Somit verändert sich aus nachvollziehbaren finanziellen Gesichtspunkten erstmals in der 92-jährigen Vereinsgeschichte der Name des altehrwürdigen VfB-Stadions.

Welche grandiosen Spiele haben die Zuschauer in diesem Stadion gesehen, aber auch welche Tragödien mit verpassten Aufstiegen und vermeidbaren Abstiegen hat es hier gegeben. Könnten die Mauern und Pappeln sprechen, sie hätten bestimmt viel zu erzählen.

Ich möchte heute an die Geschichte des Stadions erinnern, welche 1924 mit dem Bau eines Sportplatzes begann.

Die Arbeitervereine ATSV Lübeck und der Ballspielverein Vorwärts Lübeck von 1919 (BSV Vorwärts) bauten 1924 einen Sportplatz an der Stelle, wo heute das Stadion an der Lohmühle steht. Die Sportarten Fußball, Turnen, Leichtathletik und Faustball wurden auf dieser Sportstätte vornehmlich von den Arbeitersportlern betrieben. Der Verein bekam dadurch immer mehr Zulauf und die Erfolge in den 20er Jahren nahmen zu.

Mit dem Verbot der Arbeitervereine im Jahre 1933 übernahm die Sportvereinigung Polizei Lübeck e.V. von 1921 die Lohmühle vom BSV Vorwärts. Die Polizisten bauten den Sportplatz in ein richtiges Stadion um. Es entstanden die ersten Sitzplatz- und Stehtribünen. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde die Lohmühle dann zur „Adolf Hitler Kampfbahn“.

Im Dezember 1934 riefen die Verantwortlichen der Sportvereinigung im Nachrichtenblatt (vereinseigene Zeitung) mit folgendem Text zur Mitarbeit beim Ausbau der Lohmühle auf:

„An unserer Adolf Hitler Kampfbahn auf der Lohmühle wird mit Hochdruck gearbeitet. Sogar unsere Knaben und Schüler beteiligen sich am „Freiwilligen Arbeitsdienst“. Welche andere Abteilung möchte sich gleichfalls beteiligen? Oder stehen alle hinter unseren Kleinen zurück?“

Wie viele Vereinsmitglieder dann „freiwillig“ beim Ausbau der Lohmühle geholfen haben, ist nicht überliefert. Es fehlten stets die finanziellen Mittel, um das Stadion nach damaligen Verhältnissen zu modernisieren. Alles, was in Eigenarbeit möglich war, wurde von den Polizisten geleistet, doch es reichte hinten und vorne nicht aus.

So bat Vereinsführer Walther Schröder 1936 um Spenden für den Ausbau des Stadions, damit Toiletten, Umkleide- und Waschräume errichtet werden konnten. Es kamen ca. 42.000 Mark zusammen und es entstanden zusätzlich eine Laufbahn und ein Sprungraben für die Leichtathleten.

Vor und während des Krieges spielten die Polizeikicker auf der Lohmühle um Punkte, und hielten das Stadion in dieser Zeit so gut es ging instand.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Lohmühle aufgrund von Wiedergutmachungsansprüchen dem ATSV Lübeck, der 1924 nur den Sportplatz gemeinsam mit dem BSV Vorwärts erbaut hatte, zugesprochen.

Die Sportvereinigung Polizei Lübeck e.V. von 1921 hatte in ihrer 24-jährigen Vereinsgeschichte den Kasernenbrink zum verwendbaren Platz gemacht, den Platz auf dem Kasernenhof in der Fackenburger Allee neu geschaffen, die Wilhelmshöhe mit 2 Spielfeldern vom VfR Lübeck erworben und die 1933 zugewiesene Lohmühle ausgebaut. Es war somit mehr als bewiesen, dass die Sportvereinigung ebenso Rechte an der Lohmühle erworben hatte wie der ATSV Lübeck. Der VfB Lübeck als Nachfolgeverein der Sportvereinigung Polizei ging im Rechtsstreit um die Lohmühle aber zunächst leer aus.

Nach dem Aufstieg in die Oberliga Nord war der VfB Lübeck in der Saison 1947/48 immer noch ohne eigenen herzeigbaren Platz, da die verbliebene und verkleinerte Wilhelmshöhe als Anlage für einen Oberligaverein nicht ausreichend war. Der VfB war somit gezwungen, beim ATSV Lübeck Untermieter auf der bisher bewirtschafteten Lohmühle zu werden.

Der 1. Vorsitzende des VfB, Polizeirat Karl Studier, hatte bei den Behörden in Kiel und Lübeck versucht, das Lohmühlenproblem im Sinne des VfB zu lösen, denn der Verein benötigte unbedingt ein eigenes Stadion. Ziel war auch, dass die viel kritisierte zehnprozentige Platzmiete an den ATSV entfallen sollte. Der ATSV durfte über diese Einnahmen frei verfügen, und die Lohmühle war mehr als renovierungsbedürftig. Nach dem Ausscheiden von Dr. Karl Studier als 1. Vorsitzender versuchte sein Nachfolger Oberverwaltungsrat Dr. Schulz gemeinsam mit dem damaligen Lübecker Bürgermeister Otto Passarge eine Lösung zu finden, doch diese war noch nicht in Sicht.

Der VfB war 1950 zwar aus der Oberliga Nord abgestiegen, doch 1952 wurde der erneute Aufstieg geschafft. Der Zustand der Lohmühle war während dieser zwei Jahre nicht besser geworden. Nach dem Aufstieg schaltete sich die Presse durch Leserbriefe ein, denn es musste endlich gehandelt werden.

In Zusammenarbeit mit dem Senat und der Liegenschaftsverwaltung wurde ein Ausschuss „Sportplatz Lohmühle“ mit neun Mitgliedern gegründet. Für den VfB waren die Herren Schartl, Möller und Knaak in diesem Gremium tätig. Erstes Ergebnis dieser Arbeitsgruppe war, dass der VfB mit dem ATSV einen Untermietervertrag schloss, der ATSV blieb aber weiter Hauptmieter der Lohmühle. Die Zahlungen aus diesem Vertrag flossen nicht mehr an den ATSV, sondern auf ein Sonderkonto „Lohmühle“, welches vom Ausschuss verwaltet wurde. Die Hansestadt Lübeck stellte einen Betrag von 30.000 DM als Anschubfinanzierung (bei einer Verzinsung von drei Prozent) zur Verfügung.

Als Erstes wurde die Stehplatztribüne für 28.100 DM erweitert. Die Investition wurde getätigt, obwohl der Hansestadt Lübeck das Lohmühlen-Gelände offiziell noch nicht wieder gehörte. Das Grundstück war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten an das Reich verkauft worden. Somit gehört die Anlage nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland also dem Bund als Nachfolger des bisherigen Reiches. Der Bund war aber bereit, es an die Hansestadt zurückzugeben. Wie es im Rechtsstreit zwischen dem VfB und dem ATSV weiterging, können Sie in den nächsten Teilen nachlesen.

Wenn Sie mir Ihre ganz persönliche VfB-Geschichte erzählen möchten, dann schreiben Sie eine E-Mail. An dieser Stelle möchte ich alle Fans des Lübecker Fußballsports bitten, uns Fotos aus den Stadtderbys zu schicken. Sie erreichen mich unter chronik@vfb-luebeck.de.

Mit grünweißen Grüßen verbleibe ich für heute.

Ihr Thomas Nöllen