VfB Chronik Teil 9: Jonny Felgenhauer

06.12.2012 von Thomas Nöllen

Ein Großer im VfB-Tor hätte in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag gefeiert

Der VfB Lübeck hat in seiner großartigen Historie viele interessante, spannende, schöne, tragische, traurige und witzige Geschichten geschrieben. VfB-Fan Thomas Nöllen hat sich intensiv mit der grünweißen Vergangenheit auseinander gesetzt, sich mit Zeitzeugen unterhalten, in Archiven gestöbert und ist dabei auf bekannte und sicherlich auch der großen Mehrheit unbekannter Geschichten gestoßen. In schöner Regelmäßigkeit gibt es diese Geschichten hier auf unserer Website zum Nachlesen und schmöckern. Weitere Geschichten, wie zum Beispiel die über unser Stadion oder von den alten Stadtderbys gibt es online in der Chronik oder im Buch „Eine Liebe in Grünweiß“. Heute beschäftigen wir uns mit einem ganz Großen der VfB-Geschichte – Jonny Felgenhauer.

Eine Fußballmannschaft besteht aus elf Spielern, doch steht ein Mann in diesem Team immer wieder im Blickpunkt – es ist der Torwart. Männer in exponierten Stellungen werden bekanntlich besonders beobachtet, und so ist es kein Wunder, dass in den 1950er und 1960er-Jahren Albert „Jonny“ Felgenhauer der meist veröffentlichte und damit gelesene Name war. Er spielte für den VfB, für die deutsche Polizei-Mannschaft und für die Ländermannschaft, mit der er gleichzeitig das Bundesland Schleswig-Holstein repräsentierte.

Er lebte zunächst in Berlin-Charlottenburg, wo er für den Charlottenburger FC und den SC Charlottenburg am Ball war. „Jonny“ war aber kein Berliner Jung. Er wurde am 10.06.1922 in Hamburg-Harburg geboren.

1944 kam er kriegsbedingt als Mitglied einer Marine-Einheit nach Lübeck. Als Marinesoldat war „Jonny“ in Frankreich, Griechenland, Bulgarien, Dänemark und Russland stationiert. Bei der SG Ordnungspolizei Lübeck fand der hauptberufliche Polizist allerdings seine neue sportliche Heimat.

Als gelernter Karosseriebauer war er direkt nach Kriegsende in Lübeck für die Engländer als Kraftfahrer tätig und wohnte in seinem LKW, die Betten standen hintendrauf. Die Polizeisportvereine wurden 1945 deutschlandweit verboten. Felgenhauer war maßgeblich an der Gründung des VfB Lübeck, der sich unter andern aus alten Spielern der SG Ordnungspolizei zusammensetzte, beteiligt. Die ersten Partien nach dem Krieg wurden auf dem Burgfeld ausgetragen, die Gegner waren Post oder Phönix. Felgenhauer spielte die ersten Spiele übrigens auf Socken, da nur noch einer seiner beiden Fußballschuhe nach Kriegsende auffindbar war.

1946 kam er zur Polizei, und wenn er keinen Dienst hatte, war er auf der Lohmühle. Es gab hier immer was zu tun.

Felgenhauer hütete in den Jahren zwischen 1944 und 1962 in über 900 Spielen das Tor für den VfB Lübeck, der in dieser Zeit zwischen der erstklassigen Oberliga Nord und der zweitklassigen Amateurliga Schleswig-Holstein (Landesliga) pendelte.

In der Oberliga Nord und in der Amateurliga Schleswig-Holstein erzielte Felgenhauer auch zwei Tore für die Grünweißen. Durch seine Beteiligung an der Gründung des VfB und seinen Leistungen als Torwart gilt er noch heute als eine der wichtigsten Personen der Vereinsgeschichte. Am 27.05.1962 im Alter von fast 40 Jahren absolvierte Felgenhauer sein letztes Spiel für den VfB (Aufstiegsspiel gegen Leu-Braunschweig).

Mit ernsthaften Verletzungen hatte es „Jonny“ in seiner Karriere nicht zu tun. Im Weserstadion zog er sich mal einen Rippenbruch zu, und Hermann Matthews musste ins Tor. Fingerbrüche zählten bei ihm nicht. Er konnte alle seine Finger nach hinten biegen und machte sich manchmal damit einen Spaß. „Jonny“ war für Späße immer zu haben. Selbst in wichtigen und spannenden Spielen scherzte er mit den Zuschauern hinter seinem Kasten, ohne seine Konzentration auf das Spiel zu vernachlässigen.

In der zweitklassigen Regionalliga Nord war er von Januar bis Februar 1964 sogar mal als Interimstrainer für den VfB tätig.

Während seiner Zeit beim VfB war Felgenhauer als Verkehrspolizist in Lübeck tätig („Als Fußballer konnte man zu dieser Zeit beim VfB maximal 200 Mark im Monat verdienen, was zu dieser Zeit sehr viel Geld war“, erinnerte er sich später“). Er war in der Stadt Lübeck sehr beliebt. In den 1950er-Jahren errichtete er zu Weihnachten eine Pyramide aus Geschenken, die ihm durch das heruntergekurbelte Autofenster von den Lübeckern gereicht wurden.

„Jonny“ lebte allerdings nicht nur für den Fußball. Er spielte auch Handball, Faustball und Tischtennis bei den Grünweißen. Beim Tischtennis lernte er seine Frau Anne Plog kennen, die damals Doppelpartnerin von Hannelore Schlaf (geborene Imlau) war. Im Faustball gehörte er mit 53 Jahren noch zum Kader der damaligen Männerklasse III, die 1975 den dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften errang.

Am 25.05.2002 verstarb Albert „Jonny“ Felgenhauer 79-jährig kurz vor seinem 80. Geburtstag.

Der Bauausschuss der Hansestadt Lübeck beschloss in seiner Sitzung am 20.10.2003 einstimmig, die Straße zwischen Hansehalle und Stadion Lohmühle in Jonny-Felgenhauer-Straße umzubenennen.

Im Juni 2012 wäre Albert „Jonny“ Felgenhauer 90 Jahre alt geworden.

Auszug eines Interviews mit Felgenhauer zum 75. Geburtstag des VfB

„Jonny“, wie bist Du Torwart geworden?

„Anfang der 1930er-Jahre hatte ich noch keine Fußballstiefel. Und weil ich meine Sonntagsschuhe schonen musste und nicht immer mit kaputten Schuhzeug nach Hause kommen durfte, wollte ich vorsichtshalber „nur“ Torwart spielen. Das ging ausgezeichnet, den Schuhen war kaum etwas anzumerken.“

Warum nennen Dich alle „Jonny“?

„1943 war ich mit einem Kameraden Kradmelder bei meiner Einheit in Bulgarien. Beide hießen wir Albert. Wenn damals jemand Albert gerufen hat, rannten wir beide los. Das passte uns nicht. Von da an wurde ich einfach „Jonny“ gerufen. Diesen Namen bin ich bis heute nicht los geworden. Selbst meine Mutter nannte mich Jonny.“

Wer war Dein bester Trainer beim VfB?

„Otto Höxtermann. Tolle Vorbereitung auf jeden Gegenspieler, kein Fehler wurde vergessen, beim Einstieg in den Bus bekam jeder seinen Zettel mit den Aufgaben in die Hand gedrückt.“

Wer waren Deine ärgsten Widersacher im Spiel?

„Ganz klar Uwe Seeler vom HSV und Willi Schröder von Werder Bremen. Gerade Uwe hat mir das ein oder andere Ei ins Nest gelegt.“

Wenn Du Dich nicht mit Fußball beschäftigst, was ist Dein Hobby in der Freizeit?

„Modellschiffbau, die Hölzer fertige ich selbst, versteht sich. Ich arbeite auch sehr gerne in meinem Garten. Ab und an werde ich mich auch um die Erweiterung meiner Sammlung von Vereinsnadeln kümmern. Ich habe sehr viele Nadeln von Vereinen, die es heute schon nicht mehr gibt“.

Wenn Sie mir Ihre ganz persönliche VfB-Geschichte erzählen möchten, dann schreiben Sie eine E-Mail. An dieser Stelle möchte ich alle Fans des Lübecker Fußballsports bitten, uns Fotos aus den Stadtderbys zu schicken. Sie erreichen mich unter chronik@vfb-luebeck.de.

Mit grünweißen Grüßen verbleibe ich für heute.

Ihr Thomas Nöllen