Dass die Saison 1994/95 die vielleicht spektakulärste der Vereinsgeschichte werden sollte, lässt sich zu Beginn nicht erahnen. Das vorrangige Ziel des VfB ist, sich diesmal von Beginn an aus dem Abstiegskampf fernzuhalten und vielleicht das obere Drittel zu erreichen. Vom Aufstieg ist beim besten Willen nicht die Rede, und das obwohl eine wichtige Neuerung es leichter macht. Fortan spielt der VfB nicht mehr in der Oberliga, sondern in der Regionalliga. Im Norden hat das im Gegensatz zu anderen Regionen kaum Auswirkungen – statt zehn gibt es nur noch vier drittklassige Ligen. Eigentlich sind es sogar nur drei, denn Nord und Nordost sollen eine gemeinsame Staffel bilden, was einer gerechten Aufteilung des Bundesgebiets entspräche. Beide Verbände beschließen jedoch, die eigene Staffel zu behalten. Nachteil: Von den vier Aufstiegsplätzen steht nur einer dauerhaft der Region Nord/Nordost zur Verfügung. Man einigt sich auf eine Übergangslösung: Im ersten Jahr bekommen Nord und Nordost den vierten Aufstiegsplatz, sodass beide Meister hoch dürfen, in den Folgejahren haben dann die West/Südwest- und die Süd-Staffel jeweils einmal das Recht, zwei Aufsteiger zu stellen. In Lübeck wird das eher beiläufig registriert.

Trainer Michael Lorkowski hat die Mannschaft, deren Stamm beisammen bleibt, mit Augenmaß ergänzt. Einen Glücksgriff landet der VfB mit dem einsatzfreudigen Stürmer Michael Koch, der in Hannover zu „Lorkos“ DFB-Pokalsiegern gehört und zuletzt bei den Stuttgarter Kickers gespielt hat. Aus Norderstedt kommt Libero Frank Dalinger zurück. Mit Mike Scheika aus Celle holt man noch einen zuverlässigen Verteidiger. Der erfahrene Torhüter Manfred Möller wird wegen Rückenproblemen hingegen bald Sportinvalide, doch Maik Wilde schafft als 22-Jähriger auch den endgültigen Durchbruch zu einem der Top-Keeper des Nordens.

Der Auftakt geht jedoch in die Hose. Nachdem die Generalprobe gegen Zweitligist Hansa Rostock (2:3) Hoffnung gemacht hat, unterliegen die Lübecker zum Auftakt bei den Werder-Amateuren. Dabei ist sogar ein genialer Schachzug von Lorkowski aufgegangen. Er überrascht mit der Einwechslung von Lothar Dittmer, der ein Jahr nach Vertragsunterschrift nun endlich in Lübeck angekommen ist. Der Stürmer hat kein einziges Testspiel bestritten, trifft aber in Bremen mit seinem ersten Ballkontakt zur VfB-Führung. Doch in der Schlussphase drehen die Bremer Sven Simonsen und Arie van Lent das Spiel noch. „Bei einer Niederlage hätte doch schon wieder der Krampf begonnen“, begründet Lorkowski die extrem offensive Ausrichtung im folgenden Heimspiel gegen Aufsteiger Wilhelmshaven. Tore von Lutz Schwerinski, Christof Hetmanski und Miki Mladenovic sichern einen glücklichen 3:1-Sieg, der die Grundlage dafür ist, dass der VfB tatsächlich nie in den Abstiegskampf hineinrutscht. Dort findet sich überraschend der als Titelkandidat gestartete Nachbar TuS Hoisdorf, dem der VfB im August gleich zwei Mal gegenüber steht. Das Auswärtsspiel im Bezirkspokal muss wegen einbrechender Dunkelheit abgebrochen werden, die Wiederholung auf der Lohmühle endet mit einem klaren 5:1.

In der Liga ist der VfB aber vorerst Mittelmaß. In Bremerhaven wird in letzter Minute ein Punkt abgegeben, das Heimspiel gegen Oldenburg verloren, beim SC Concordia gibt es auch nur ein 1:1. Erstmals konkreter wird ein Aufschwung mit der Verpflichtung von Daniel Jurgeleit. Der 30-Jährige kommt mit der Erfahrung von über 300 Zweitliga-Spielen aus Unterhaching, absolviert sogar ein Probetraining. „Er hat die Mannschaft vom ersten Tag an mit geführt“, ist Co-Trainer Klaus Borchert auch im Nachhinein noch begeistert. „Wir hatten eine ganz gute Truppe zusammen, aber die Qualitäten von Daniel waren ganz wichtig für den weiteren Weg“, erklärt auch Kapitän Holger Behnert. Beim 3:3 in Emden läuft Jurgeleit erstmals im zentralen Mittelfeld auf und erzielt eine Woche später bei seinem Heimdebüt gegen Eintracht Braunschweig (2:2) sein erstes Tor.

Im Oktober und November hat sich die Mannschaft in der neuen Zusammensetzung gefunden, wovon eine Serie von sechs Spielen ohne Niederlage zeugt. Überzeugend ist beispielsweise ein 2:0-Auswärtssieg vor nur 1800 Zuschauern in Kiel durch Treffer von Behnert und Jurgeleit. Der 2:0-Heimerfolg gegen den TuS Celle am 20. November bringt die Grün-Weißen erstmals auf Rang drei. Allerdings ist nach diesem 15. Spieltag der VfL Herzlake bereits fünf Punkte voraus. Obwohl anschließend in Lüneburg die Erfolgsserie endet, sind die Lorkowski-Schützlinge auch nach dem 2:1 gegen Schlusslicht Hoisdorf zur Winterpause Dritter – allerdings vier Minuspunkte hinter dem Zweiten Osnabrück und nur zwei Minuspunkte vor dem Elften Holstein Kiel.

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Für das, was dann folgt, ist auch Lorkowskis Urlaub mitverantwortlich. „Der Rückstand war bei der Zwei-Punkte-Regel groß. Und als Ziel war ja nur ein Mittelplatz ausgegeben“, erzählt der Trainer. „An den Aufstieg habe ich gar nicht gedacht, befürchtete eher eine langweilige Rückserie. Im Winterurlaub auf Fuerteventura habe ich dann den Inhaber einer Surfschule kennen gelernt. Der hatte von Fußball keine Ahnung. Als ich ihm unsere Situation beim VfB erklärte, fragte er einfach: Und warum versucht ihr nicht einfach aufzusteigen?“ Gesagt, getan. Zurück in Lübeck überrascht er seine Mannschaft beim Start in die Vorbereitung. Lorkowski: „Ich habe in der ersten Mannschaftssitzung nach der Winterpause das Ziel Aufstieg ausgegeben. Zunächst ohne dass Vorstand und Wirtschaftsrat davon wussten.“ Druck von außen gibt es weiterhin nicht. Doch der Kern des Teams ist längst eine verschworene Einheit, die ein Trainingslager in Wuppertal noch weiter zusammen schweißt. Spieler wie Jürgen Oelbeck, Romas Mažeikis oder Thorsten Grümmer sind die Arbeiter im Dienst der Mannschaft, nach längerer Verletzungspause erreicht in der Rückrunde auch Torsten Flocken wieder seine Top-Verfassung. Reservisten wie Jens Stelk oder Timo Hempel nehmen ihre Rolle an und helfen, wenn sie gefordert sind.

Im ersten Spiel nach der Winterpause gelingt in Wilhelmshaven aber nur ein 1:1. Fans und Öffentlichkeit können damit leben – für das neue Aufstiegsziel ist es zu wenig. „Mit dem 8:1 gegen Bremerhaven kamen wir dann ins Rollen“, sagt Lorkowski. Zum höchsten Heimerfolg wird das Team von einem überragenden Jurgeleit dirigiert.

Die entscheidenden Momente, die den VfB tatsächlich ins Aufstiegsrennen bringen, spielen sich auf fremden Plätzen ab. In Oldenburg muss Koch mit Gelb-Rot vom Platz, in der Schlussphase lenkt Scheika eine Flanke unglücklich zum 1:1 ins eigene Tor. Doch zu zehnt zeigt das Team große Moral, Jurgeleit trifft zwei Minuten vor dem Ende zum 2:1 und bringt die Lübecker erstmals auf Platz zwei. Die Auswärtspartie bei den HSV-Amateuren ist vom Rothenbaum ins Volksparkstadion verlegt worden, wo knapp 2000 Lübecker Fans und die Mannschaft einen besonderen Nachmittag erleben. Zwei Koch-Treffer bringen den VfB früh in Führung, doch in Unterzahl (Gelb-Rot für Hasan Salihamidzic) gleicht der HSV aus. Ein typisches Jurgeleit-Tor – aus Nahdistanz nach Kopfballverlängerung von Flocken – bringt nach 87 Minuten den Sieg, Schwerinski lässt noch das Tor zum 2:4-Endstand folgen. Das erste Auswärtsspiel als Spitzenreiter führt die Grün-Weißen in die heiße Atmosphäre des Braunschweiger Eintracht-Stadions. „Ich kann mich gar nicht erinnern, uns schon einmal so schlecht gesehen zu haben“, schimpft Lorkowski. Doch seine Mannschaft hat auch dieses Spiel mit 2:1 gewonnen, dank eines herausragenden Wilde im Tor und eines späten Treffers von Hetmanski.

Dass der VfB nach diesem Spiel die Tabellenführung innehat, ist auch der Schwächephasen der Konkurrenten VfL Herzlake und VfL Osnabrück zu verdanken. Eine Woche zuvor haben 6700 zahlende Zuschauer auf der Lohmühle bei einem 3:1-Heimsieg gegen Kickers Emden den Sprung an die Spitze gefeiert. Auch hier ist es ein enges Spiel, das die Grün-Weißen für sich entscheiden. Nach Kochs 2:1 wird gezittert, ehe Mladenovic in der Schlussminute einen Konter abschließt. Erstmals ist der Schlachtruf der folgenden Monate auf den Stehtraversen zu hören: „Zweite Liga, Lübeck ist dabei!“

Nach sechs Siegen und 15:1 Punkten in Folge gibt’s gegen die Werder-Amateure einen Dämpfer – durch das 0:1 fallen die Lübecker wieder hinter Herzlake und Osnabrück zurück. Ein Tor von Torsten Flocken sorgt im Spitzenspiel gegen Herzlake vor 6800 Fans erneut für den Sprung an die Spitze – in der schiefen Tabelle hat nun allerdings der VfL Osnabrück bei noch zwei Spielen Rückstand die besseren Karten – doch der Hauptrivale der Lübecker verliert in den drei Spielen der Osterwoche gegen Lurup, Emden und den VfL 93 gleich fünf Punkte. Weil der VfB in Göttingen ein frühes Mladenovic-Tor über die Zeit bringt und in einem Flutlicht-Derby gegen Holstein Kiel ein 2:0 erarbeitet, sind die Grün-Weißen nun im Dreikampf sogar drei Punkte vorn.

2000 Lübecker hoffen am 30. April an der Bremer Brücke auf die Vorentscheidung im Titelkampf – doch stattdessen wird es wieder spannend. Der VfB hat einen schwachen Tag erwischt und unterliegt glatt mit 0:3. „Wer so dumme Fehler macht, kann nicht gewinnen“, zürnt Lorkowski ausnahmsweise mit Spielmacher Jurgeleit, der zwei Tore auf dem Gewissen hat. Aber „Lorko“ stellt auch klar: „Wir sind die einzige Mannschaft, die es aus eigener Kraft schaffen kann.“ Mit dem Sieg im direkten Duell hat Osnabrück jedoch seine Negativserie überwunden. Nur Herzlake fällt weiter zurück: In den letzten Saisonwochen ist es ein Zweikampf um den Aufstieg: Lübeck mit 39:19 Punkten und +24 Toren, Osnabrück mit 38:20 Zählern und ebenfalls +24 Treffern.

Die Lübecker haben ihre Nerven im Griff und erzielen zudem regelmäßig Treffer aus Standardsituationen. Beim 2:0 gegen den VfL 93 Hamburg trifft Behnert nach einer Ecke, den hart erkämpften 2:1-Sieg in Lurup sichert wiederum Behnert, in den letzten Spielen endgültig zum Libero umfunktioniert, mit einem strammen Freistoß. Gegen Ex-Trainer Ernst Menzel, der inzwischen beim TuS Celle arbeitet, gelingt Jurgeleit immerhin noch ein spätes Ausgleichstor zum 1:1. Zwei Spieltage vor Schluss liegt nun allerdings Osnabrück vier Treffer vor den punktgleichen Lübeckern.

Einen Treffer holen die Lübecker am vorletzten Spieltag auf. Dem Osnabrücker 3:0 gegen Bremerhaven steht ein 6:2 des VfB gegen Lüneburg gegenüber – VfL-Schlussmann Uwe Brunn wittert aus der Ferne sogar Schützenhilfe des LSK. Doch es ist einfach nur eine VfB-Gala. „Die erste Halbzeit war das Beste, was Lübeck seit Jahren gesehen hat“, schwärmt nicht nur Nord Sport. 7000 Zuschauer sehen ein Lüneburger Eigentor (nach einem Flocken-Pfostentreffer) sowie Treffer von Jurgeleit, Oelbeck, Koch und A-Jugend-Torjäger Sascha Hagen, der den verletzten Schwerinski schon vor der Pause ersetzt. Zwar lassen nach der Pause die Kräfte nach. Doch die Grundlage für ein dramatisches Finale am 34. Spieltag ist gelegt.

Quelle: Ein Jahrhundert Fußballgeschichte in der Hansestadt

By Published On: 3. Juni 2025Categories: 1. Herren, Chronik
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