Alles steht am 3. Juni 1995 im Zeichen eines Fernduells. Die beiden Aufstiegsanwärter müssen auswärts in Regionalderbys ran: der VfB gegen den großen Rivalen der vergangenen zehn Jahre, den TuS Hoisdorf, der VfL Osnabrück beim Bezirksnachbarn VfB Oldenburg. Die Osnabrücker nehmen drei Tore Vorsprung mit ins Rennen, die Aufgabe der Lübecker ist gegen das abgeschlagene Schlusslicht Hoisdorf allerdings bedeutend leichter.

In den Tagen vor dem für Fußball-Lübeck entscheidenden Sonnabendnachmittag muss erst einmal eine Frage geklärt werden: Wo wird denn überhaupt gespielt? Der Hoisdorfer Sportplatz kommt aus Kapazitäts- und Sicherheitsgründen nicht in Frage. Die TuS-Verantwortlichen sind sich mit dem 1. SC Norderstedt einig, in dessen Edmund-Plambeck-Stadion zu spielen – doch wenige Tage vor dem Spiel lehnen das die dortigen Ordnungsbehörden ab. Nun wird fieberhaft gesucht. Eine Verlegung auf die Lohmühle lassen die Statuten nicht zu. Ins Gespräch gebracht werden das Hamburger Millerntor und sogar die Stadien in Celle oder Schwerin. Am Ende wird das Kieler Holstein-Stadion ausgewählt – die heimischen „Störche“ müssen am letzten Spieltag auswärts bei Concordia Hamburg ran.

Eine Fan-Karawane macht sich auf den Weg von der Hanse- in die Fördestadt. Offiziell sind es am Ende 6871 zahlende Besucher, die Schätzungen bewegen sich eher im Rahmen von 9000, und von denen ist kaum einer, der nicht den Lübeckern die Daumen drückt. Viele sind mit Radios ausgerüstet. Auf der Bank ist man beim VfB vorbereitet. Co-Trainer Klaus Borchert wird über eines der in diesen Jahren aufkommenden Mobiltelefone von Wirtschaftsratsmitglied Hans-Georg Freitag über den Spielstand aus Oldenburg informiert. Dem dortigen VfB hat man für den Fall der Schützenhilfe zudem eine kleine Anerkennung versprochen. Während die meisten ein Rennen um jedes Tor erwarten, ist Michael Lorkowski zuversichtlich: „Wer sagt denn, dass die Osnabrücker überhaupt in Oldenburg gewinnen?“

Am Sieg des VfB zweifelt niemand. Elf Punkte hat der Gegner aus Stormarn gerade mal auf der Habenseite. Auch wenn Mittelstürmer Lutz Schwerinski verletzt fehlt und durch den 18-jährigen Sascha Hagen ersetzt wird, scheint es nur um die Höhe des VfB-Erfolgs zu gehen. Etwas dagegen hat nur der Ex-Lübecker Christian „Toni“ Schumacher, der im TuS-Tor zum mit Abstand besten Hoisdorfer wird. Das allerdings reicht nicht. Den ersten Jubel gibt es bereits, als es in Kiel noch 0:0 steht. Neubert hat den VfB Oldenburg mit 1:0 in Führung gebracht. Wenig später staubt Daniel Jurgeleit nach einem Mažeikis-Kopfball zur Lübecker Führung ab. „2. Liga, Lübeck ist dabei“, schallt es von den Rängen. Torsten Flocken legt per Kopf nach 20 Minuten das 2:0 für den VfB nach. Noch vor der Pause erhöht Michael Koch zum 3:0. Dass Frank Hartmann inzwischen für Osnabrück ausgeglichen hat, ist noch nicht weiter wichtig. Die Lila-Weißen haben durch Karsten Surmann noch einen Elfmeter vergeben, sind in Oldenburg allerdings nach Gelb-Rot für Mirko Baschetti auch nur noch zu zehnt.

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Nach dem Seitenwechsel sind die Lübecker aber unter Zugzwang. Hartmann bringt zehn Osnabrücker mit 2:1 in Führung – zum ersten und einzigen Mal an diesem Nachmittag hat der VfL in der Blitztabelle die Nase vorn. Doch die Lübecker machen unbeirrt weiter. Der Treffer von „Miki“ Mladenovic per Seitfallzieher nach Hagens Flanke lässt den VfB im Fernduell wieder vorbei ziehen. Fast zeitgleich macht die Meldung die Runde, dass Horst Elberfeld für Oldenburg ausgeglichen hat. Während Schumacher mit einem stark gehaltenen Jurgeleit-Elfmeter für Hoisdorf zunächst Schlimmeres verhindert, ziehen die Oldenburger binnen sechs Minuten auf 4:2 davon. Die letzten 20 Minuten in Kiel sind dann nur noch ein Schaulaufen des VfB. Die Zuschauer feiern bereits den Aufstieg. Jurgeleit und Thorsten Grümmer legen noch zwei Treffer zum 6:0-Endstand nach.

Um 17.17 Uhr stürmen die Fans nach dem Abpfiff von Schiedsrichter Georg Winter das Feld. Bier und Sekt fließen in Strömen, auch in der Kabine, in der es die eine oder andere Sektdusche gibt. „Dieser Tag wird in die schleswig-holsteinische Fußball-Geschichte eingehen“, weiß Trainer Lorkowski. „Was die Mannschaft geleistet hat, war genial. Sie hat heute die Lorbeeren geerntet, die sie selbst in der Rückserie gesät hat. Die Spieler haben die Nervenbelastung hervorragend weggesteckt. Dass man 4:0 führen kann und trotzdem nicht weiß, ob das reicht, habe ich noch nie erlebt.“ Der grün-weiß bemalte VfB-Präsident Wolfgang Piest jubelt: „Unser Konzept mit dem Wirtschaftsrat hat Früchte getragen. Es ist ein großartiger Erfolg aller Beteiligten.“

In einem grün-weißen Autokorso geht es zurück in die Hansestadt. Vor der Lohmühle können die Spieler nicht einmal aus dem Bus aussteigen – und feiern so zunächst einmal auf dem Dach des Mannschaftsbusses mit Tausenden. Auf der aufgebauten Bühne geht es anschließend weiter bis in die Morgenstunden. „Der Aufstieg“, ist die simple Schlagzeile der Lübecker Nachrichten, die noch während der Party in der Nacht verteilt wird. „Seit gestern ist ganz Lübeck im Freudentaumel“, heißt es dort. Der hält auch noch einige Zeit an. Am folgenden Dienstag bittet Lübecks Bürgermeister Michael Bouteiller die Aufstiegshelden zum Rathausempfang. Die Mannschaft feiert anschließend auf Mallorca weiter.

Nachdem der Jubel verklungen ist, geht es aber auch daran, aus dem Amateurverein VfB Lübeck, der im Aufstiegsjahr erstmals überhaupt über einen siebenstelligen Etat verfügt hat, schnell einen Proficlub zu machen. Das Stadion ist eine liebenswerte Bruchbude, auf dem Platz stehen viele Spieler, die tagsüber einem Vollzeitjob nachgehen, und außer Trainer Lorkowski ist auch im Umfeld keine hauptamtliche Kraft zu finden. Nach dem größten Erfolg der 76-jährigen Vereinsgeschichte wartet den Sommer über enorm viel Arbeit.

Quelle: Ein Jahrhundert Fußballgeschichte in der Hansestadt Lübeck

By Published On: 3. Juni 2025Categories: 1. Herren, Chronik
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