Was manchen Menschen die November-Depression ist, ist dem VfB Lübeck die alljährliche Herbstdelle in der Fremde. Nach nur einem Punkt aus drei Auswärtspartien hat der Aufstiegsaspirant von der Trave nicht nur die Tabellenführung, sondern auch das psychologische Momentum an den Wolfsburger Dauerkonkurrenten verloren. Umso wichtiger wird es daher sein, dass am kommenden Samstag von der Lohmühle ein Signal des sportlichen Aufbruchs ausgeht. Wer aber nun glaubt, in Altona 93 den idealen Aufbaugegner erblickt zu haben, dürfte sich bald getäuscht sehen. Denn der Hamburger Stadtteil-Klub steht für einen ehrlichen und robusten Fußball.  

Altona – Der Name ist historisch wie fußballerisch Programm.

Altona, dessen hochdeutsche Übersetzung „allzu nah“ bedeutet, war in seinen Ursprüngen ein kleines holsteinisches Fischerdorf nördlich der Freien und Hansestadt Hamburg gewesen. Erst am 23. August 1664 sollte der dänische König Friedrich III. in seiner Eigenschaft als Landesherr jenem Flecken am östlichen Elbufer das Stadtrecht verleihen. Sein damaliges Doppel-Ziel: Dänemark mit einem großen Hafen an der Nordsee zu versehen und gleichzeitig die hanseatischen Widersacher durch eine allzu nahe Konkurrenz in die Knie zu zwingen.

Obwohl letzteres nicht gelingen sollte, stieg das einstige Fischerdorf im Laufe von nur zwei Jahrhunderten zur zweitgrößten dänischen Stadt auf, ehe letztere in der Folge des Deutsch-deutschen Kriegs von 1866 der nunmehr preußischen Provinz Schleswig-Holstein zugeschlagen wurde. Doch damit nicht genug: Im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes von 1937 wurde die bisherige preußische Hafenstadt zu einem Teil der Freien und Hansestadt Hamburg. Und auch für das seit 1226 reichsfreie Lübeck sollte diese territoriale Neugestaltung in seiner unmittelbaren Nachbarschaft nicht ohne Folgen bleiben: Über Nacht wurden 711 Jahre lübsche Selbstständigkeit zugunsten des Landes Preußen beendet. Dass seitdem die regionalpolitischen Fäden in Kiel gezogen werden, ist aus Lübecker Sicht bis heute ein Trauma.

Altona mag dafür nichts können. Wohl aber hat die fußballerische Vertretung des Hamburger Stadtteils nur selten für Verzückung beim Fananhang des VfB sorgen können. Von bisher 54 Partien haben die Lübecker 20 gewinnen können. Zwölf Mal trennten sich die Vertreter der beiden Hansestädte schiedlich-friedlich. Und ganze 22 Male mussten sich die Herren in Grün-Weiß ihren Herausforderern von der Elbe geschlagen geben.

Altona – allzu nah – hätte gleichsam allen bisherigen Begegnungen zwischen dem VfB und den Hamburgern als Motto vorangestellt werden können; waren doch eine körperbetonte Spielweise, konsequente Manndeckung und enge Ergebnisse bisher eher die Regel denn die Ausnahme gewesen. Dementsprechend verwundert es auch nicht, dass das Torverhältnis zwischen den beiden Kontrahenten mit 102:102 Treffern ausgeglichen ist,

Weder „Lieblingsgegner“ noch Punktelieferant      

Auch wenn das von Berkan Algan trainierte Altonaer Ensemble nach 18 Spieltagen nur den 17. Rang der Regionalliga-Tabelle belegt, sollte niemand auf Lübecker Seite versucht sein, die anstehende Aufgabe mit einem Achselzucken zu quittieren. Kommentare, wie sie jüngst in der Öffentlichkeit im Vorfeld der Begegnung gegen den SSV Jeddeloh II gefallen sind, verbieten sich nicht nur hier, sondern grundsätzlich von selbst; egal, wie schön sich die Statistik auch ausnehmen mag.

Nicht minder sollten Rolf Landerl und seine „Burschen“ der Versuchung erliegen, den aktuellen 17. Tabellenplatz der Altonaer als Beweis fußballerischen Unvermögens zu interpretieren. Denn bereits im Hinspiel auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn hatte der von Berkan Algan trainierte AFC die Lübecker auf eine Geduldsprobe gestellt. Mehr noch! Während die Grün-Weißen den aufopferungsvoll kämpfenden Hamburgern mit spielerischen Mitteln kaum beikommen konnten, gelang es letzteren immer wieder auch Akzente nach vorne zu setzen. In den letzten 20 Minuten der Partie waren die Gastgeber dem Sieg teilweise sogar näher gewesen als ihre lübschen Gäste. Erst Kims Kopfballtreffer kurz vor Schluss sollte den VfB erlösen.

Dass eine solche Situation die Lübecker wieder erwarten könnte, ist nicht auszuschließen. Die Altonaer agieren nicht selten aus einem defensiven 3-4-2-1 heraus, so dass die VfB-Offensiv-Abteilung bisweilen auf eine Fünfer-Abwehrreihe stoßen könnte. Um dieser erfolgreich begegnen zu können, wird es einer hohen Laufbereitschaft mit und ohne Ball bedürfen. Ein auf sich gestellter Ahmet Arslan wird kaum in der Lage sein, diesen kompakten Defensiv-Verbund wirksam zu beschäftigen.

Daneben werden die Lübecker versuchen müssen, ihren bisherigen Chancenwucher in den Griff zu bekommen und frühestmöglich für klare Verhältnisse auf dem Platz zu sorgen. Denn die mit dem Rücken zur Wand stehenden Altonaer werden ihren Strafraum mit allen zu Gebote stehenden Mitteln verteidigen, um so ihren Viertliga-Traum fortleben zu lassen.

Der Sieg ist entscheidend, nicht das Resultat!

Wut und Häme hatten nach dem 3:3 der Grün-Weißen in Edewecht überwogen. Von Demissionsforderungen gegenüber Trainer Landerl, einer allgemeinen Vereins- und Mannschaftskritik bis hin zu Durchhalteparolen war alles dabei gewesen, was die sozialen Netzwerke bei derartigen Anlässen vorzuhalten pflegen.

Einig waren sich alle Beteiligten lediglich darin, dass Arslan und Co am kommenden Samstag in der Pflicht stünden, eine Reaktion zu zeigen und den Tabellen-Siebzehnten aus der Elbmetropole standesgemäß abzufertigen.

So verständlich dieser Wunsch auch sein mag; sonderlich realistisch ist er nicht! Die Altonaer verfügen durchaus über Qualität in ihren Reihen und statistisch gesehen kassierte das Team von der Elbe im Durchschnitt „nur“ 2,3 Tore pro Spiel. Des Weiteren ist es nicht auszuschließen, dass so mancher feuriger Gästefan seine Mannschaft auf die Lohmühle begleiten wird, um diese zu einem Erfolg zu peitschen. Für die Lübecker werden am Ende nur die drei Punkte entscheidend sein, um weiterhin Fühlung zu den Wolfsburgern halten zu können. Nicht mehr, nicht weniger!