„Totgesagte leben länger.“ Vor einigen Monaten noch wäre es nicht vermessen gewesen, den TSV Havelse als heißen Abstiegskandidaten zu bezeichnen. Der ehemalige Zweitligist der Saison 1990/91 hatte sich bis Ende letzten Jahres in einem beständigen sportlichen Sinkflug befunden, ehe am 22. Spieltag mit einem Sieg gegen den VfL Oldenburg eine kleine Trendwende eingeleitet werden konnte.

Aus dem tragischen Helden wird der Phönix aus der Asche

Vor einem halben Jahr noch hatten wir an selber Stelle – nicht ganz frei von Süffisanz – den Werdegang der Havelser mit dem Verlauf einer griechischen Tragödie verglichen: Ein Held, der den besten gesellschaftlichen Kreisen entstammt, stürzt vom höchsten Glück ins tiefste Unglück.  

Indes vergaßen wir seinerzeit, dass jedes antike Trauerspiel auch von einem retardierenden Element lebt, das das Unglück zeitweise hinauszögert. Blöd nur, dass dieses sich aus Lübecker Sicht ausgerechnet am 10. Spieltag manifestieren musste, als die Grün-Weißen völlig überraschend mit 1:2 in Havelse unterlagen.

Eine dauerhafte Trendwende bewirkte dies indes nicht. Der taktischen Meisterleistung gegen die Aufstiegsaspiranten von der Trave folgten bis zum 21. Spieltag sieben Niederlagen, drei Unentschieden und ein einziger Sieg. Erst mit dem neuen Jahr kehrte der sportliche Erfolg zurück und mit ihm die Hoffnung, am Ende dieser Spielzeit doch noch die Klasse halten zu können. Derzeit trennt nur ein Punkt die Havelser vom rettenden Ufer. Mehr noch! Durch den 2:1-Erfolg beim FC Eintracht Norderstedt haben die Niedersachsen gleich fünf Mannschaften (Rehden, Jeddloh II, St. Pauli II, Lüneburg und Norderstedt) in den Abstiegskampf hineingezogen. Erhebt sich hier der Phönix aus der Asche?

In jedem Falle gibt es einen Aufwärtstrend, der mit einem Namen verbunden ist: Jan Zimmermann.

Ein neuer Trainer, zwei Rückkehrer und eine Ausleihe

Obwohl der selbsternannte „Familien-Klub“ Ende Oktober 2018 noch ein emotionales Treuebekenntnis zum damaligen Trainer Christian Benbennek abgegeben hatte, erfolgte am 26. November die brüske Kehrtwende. Um „die bestmögliche sportliche Ausgangsposition“ zu schaffen, so Vereinsmanager Stefan Pralle, wurde schließlich der 39jährige Zimmermann als Nachfolger verpflichtet.

Zimmermann, der einen Monat zuvor überraschend als Übungsleiter beim 1. FC Germania Egestorf/Langreder hingeworfen hatte, konnte die angeschlagenen Havelser wieder in die Erfolgsspur bringen; auch wenn noch nicht alles zum Besten steht. „Aufschwung trotz Stagnation“ titelte denn auch der Kicker in seiner Online-Ausgabe. Und auch der neue Trainer sieht seine Mannschaft noch nicht am Ende des Weges: „Wir haben noch viel Potenzial. Also wollen wir uns von Woche zu Woche steigern. Die Mannschaft ist ja noch jung, und deshalb müssen wir immer ruhig arbeiten“, ordnet Zimmermann die Möglichkeiten seiner Mannschaft für die letzten Partien der laufenden Saison ein.”

Begünstigt werden könnte diese positive Entwicklung durch den Umstand, dass mit Noah Plume, einem defensiven Mittelfeldspieler, und Niklas Tasky, einem gelernten Innenverteidiger, gleich zwei ehemalige Leistungsträger zum TSV Havelse zumindest vorläufig zurückgekehrt sind. Denn ähnlich wie Besfort Kolgeci, der leihweise von Eintracht Braunschweigs U23 zu den Rot-Weißen gestoßen ist, könnte auch Plume gegebenenfalls wieder zum Drittligisten SF Lotte zurückkommandiert werden.

Trainer Jan Zimmermann setzt in jedem Falle auf den Rückkehrer-Effekt. Besonders mit Blick auf Niklas Tasky geriet Havelses neuer Übungsleiter regelrecht ins Schwärmen: „Niklas ist sowohl sportlich als auch als Persönlichkeit eine absolute Bereicherung. […] Und wenn man sich seine Bilanz der vergangenen zwei Jahre beim TSV anschaut, fällt eines auf: Die Erfolgs- und Punktequote in den Spielen, in denen er mitspielte, war höher als in den Partien, in denen er nicht dabei war.“

Was bedeutet dies für den VfB Lübeck?

Die Grün-Weißen werden am kommenden Montagabend auf eine Mannschaft treffen, die sich wieder im Aufwind befindet und darüber hinaus durch die Neuzugänge sportlich wie moralisch stabilisiert sein dürfte. Dass die Partie zudem auf Sport1 zur besten Sendezeit live übertragen wird, dürfte für die Havelser ein weiterer Ansporn sein, sich besonders teuer zu verkaufen. Zur Erinnerung: Die letzte Abendbegegnung zwischen dem VfB Lübeck und dem TSV endete am 30. April 2018 auf der Lohmühle mit 1:1.