Nach einem eher mäßigen Auftakt in die neue Zweitligasaison besteht bei den Boys in Brown der Wunsch nach Wiedergutmachung. Ein Erfolg im DFB-Pokal gegen den aktuellen Tabellenzweiten der Regionalliga Nord soll daher helfen, dem Kult-Klub „Selbstvertrauen und Sicherheit“ für die weitere Spielzeit zu verleihen. Doch obwohl in diesem Traditionsduell die Rollen klar verteilt sind, reisen die St. Paulianer nicht ohne Probleme im Gepäck an die Trave: Die Verletztenliste ist lang und Trainer Luhukay hat zuletzt für atmosphärische Unruhe gesorgt.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

„Heute ist Murmeltiertag … schon wieder“, sagt Wettermoderator Phil Connors alias Bill Murray resigniert und genervt in die Kamera. Denn immerhin sieht sich der zynische Fernsehstar in der US-amerikanischen Komödie Und täglich grüßt das Murmeltier seit Wochen in einer Dauerschleife gefangen. Gut möglich, dass die zur DFB-Pokalauslosung eigens nach Dortmund gereiste VfB-Delegation Ähnliches empfand, nachdem Nia Künzer den Lübeckern den FC St. Pauli als Erstrundengegner zugelost hatte. Die lübschen Reaktionen fielen jedenfalls etwas verhalten aus.

Und dies nicht ohne Grund: Zuletzt hatten sich die Wege der beiden Traditionsvereine in der ersten Runde der DFB-Pokalsaison 2016/17 gekreuzt, als die Boys in Brown die Hansekicker mit einem humorlosen 3:0 aus dem Wettbewerb warfen. Ob es dieses Mal wieder eine so klare Angelegenheit wird?

Wettbewerbsübergreifend haben die Lübecker 19 der bisher 69 Partien gegen den Kult-Klub aus der Elbmetropole gewinnen können; darunter das denkwürdige 6:0 am dritten Spieltag der Zweitligasaison 2002/03 sowie das knappe 3:2 in der zweiten Runde des DFB-Pokals im Oktober 2003. Auf der Passiva-Seite des VfB stehen indes auch 34 Niederlagen und 16 Unentschieden. Es ist also mal wieder an der Zeit, das fußballerische Ansehen der Grün-Weißen ein wenig zu heben. Doch kann dies gegen einen Zweitligisten gelingen?

„Auf Kante genäht“ – St. Paulis schwierige Personalsituation

Orientierte sich der neutrale Fußballfreund alleine an den Gesamtmarktwerten der heutigen Kontrahenten, so könnte er die obige Frage mit einem müden Lächeln abtun. Keine Chance! Mit 17,38 Millionen Euro liegt der Gesamtmarktwert des FC St. Pauli siebenmal höher als jener des VfB. Allein die beiden im Dienste der Braun-Weißen stehenden Mittelfeldspieler Christopher Buchtmann (27) und Mats Möller Daehli (24) erreichen zusammen einen Wert von 2,5 Millionen Euro und übertreffen somit den gesamten Lübecker Kader um 50.000 €! Mit einem Wort: Die eher bescheiden budgetierte Amateurmannschaft aus der Provinz fordert das relativ finanz- und spielstarke Profi-Ensemble aus der Metropole.

Die einzige Chance des lübschen Davids gegen den Kiez-Goliath besteht womöglich darin, dass FCSP-Trainer Jos Luhukay personell nicht aus dem Vollem schöpfen kann. Zwar konnten Anfang dieser Woche Mittelstürmer Henk Veerman sowie die beiden Mittelfeldspieler Johannes Flum und Finn Ole Becker wieder ins Training einsteigen, doch ihr Einsatz am Sonntag erscheint mehr als fraglich.

Besonders bitter für die St. Paulianer ist jedoch der Ausfall ihres Abwehrchefs Christopher Avevor, der in der Partie gegen die SpVgg Greuther Fürth einen Wadenbeinbruch erlitten hatte. „Das ist ein herber Rückschlag“, kommentierte Jos Luhukay die Hiobsbotschaft. „Christopher ist mit seinen Charaktereigenschaften als Mensch ein sehr wertvoller Spieler. Er ist mit seiner Robustheit und seinen defensiven Fähigkeiten ein wichtiger Baustein […].“

Doch damit nicht genug. Auch die Mittelstürmerposition stellt bei den Kiezkickern eine Baustelle dar, da es zu Dimitrios Diamantakos und Viktor Gyökeres keine Alternativen gibt. Nicht von ungefähr berichtete das Hamburger Abendblatt zuletzt von einer beim FCSP um sich greifenden „Alarmstimmung“ und einer „auf Kante genäht[en]“ Personalplanung.

„Das sollte man in den Müll werfen!“

Für Trainer Jos Luhukay sind diese Probleme vor allem das Resultat fehlender Professionalität auf allen Ebenen des Vereins. Noch vor dem Saisonstart gegen Arminia Bielefeld (1:1) sollte der Niederländer daher vehement einen Mentalitätswechsel einfordern: „Bei St. Pauli gibt es zu viel Bequemlichkeit, zu viel Komfortzone, alle sind zu nett zueinander […]. […] Das gilt für alle Bereiche in diesem Verein. Das sollte man in den Müll werfen. Dieser Klub benötigt eine Mentalitätsveränderung, eine höhere Intensität – im Scouting, im Nachwuchs, überall.“

Luhukay, der während der gesamten Pressekonferenz sichtlich um Contenance bemüht war, ging schließlich auch mit seinen Spielern hart ins Gericht: „70 Prozent der Spieler sind nicht in der Lage, mehr als 15 Spiele in einer Saison zu machen. Da muss man sich mal an den Kopf fassen! […] Mit dieser Mannschaft ist alles über Platz neun ein Riesenerfolg.“

Zwei Mannschaften mit ähnlicher Spielidee

Auch wenn FCSP-Übungsleiter Jos Luhukay derzeit keinen Pfifferling auf sein Team zu setzen scheint, so gehen die Kiezkicker als klare Favoriten in diese Pokal-Partie. Daran ändern auch die personellen Ausfälle wenig. Interessant ist indes, dass beide Mannschaften eine ähnliche Spielidee verfolgen. Während die Lübecker durch ihren weder Rasen noch Gegner schonenden Lohmühlen-Fußball zum Erfolg gelangen wollen, geht Luhukays Spiel-Mantra in eine ähnliche Richtung: „Mentalität schlägt Qualität.“ – Das Nervenduell kann kommen!