Die bittere Niederlage des VfB in der ersten DFB-Pokalrunde gegen die Profi-Abteilung des FCSP ist gerade einmal sechs Tage her; da bietet sich auch schon für die Grün-Weißen die Chance auf Revanche. Denn mit der U23 der Boys in Brown tritt auf der Lohmühle nicht nur das fußballerische Laboratorium des Erzrivalen von der Elbe an, sondern auch ein Spitzenteam, das den Ausgang des diesjährigen Meisterschaftsrennens in der Regionalliga mitentscheiden könnte.

Überraschungsteam mit Last-Minute-Qualitäten

Zugegeben, die laufende Saison ist noch zu jung, um irgendeine Prognose bezüglich der sportlichen Fähigkeiten einer jeden Mannschaft abzugeben. Wohl aber ist bereits zu erkennen, dass St. Paulis U23-Trainer Joachim Philipkowski die Spielzeit 2019/20 mit einer vielversprechenden und eingespielten Jugendmannschaft wird bestreiten können.

Obwohl die Jung-Kiezkicker elf Abgänge zu verkraften hatten, konnten die Ausfälle adäquat ersetzt werden. Mehr noch! Acht der zehn Neuzugänge entstammen dem U19-Bundesliga-Team der Hamburger, das in der abgelaufenen Saison einen mehr als respektablen vierten Platz belegen konnte. Ob diese jungen Himmelsstürmer auch im Erwachsenenbereich an ihre letzten Erfolge anknüpfen werden? Tatsächlich stellen die Boys in Brown mit einem Durchschnittsalter von 20,6 Jahren das zweitjüngste Team der Regionalliga Nord. Und auch die ersten drei Partien der noch jungen Saison (ein Sieg, ein Unentschieden, eine Niederlage) glichen einer kleinen Berg-und-Tal-Fahrt.

Für die nötige Erfahrung und Stabilität im Spiel sollen vor allem drei Spieler sorgen: der 23jährige Kapitän und defensive Mittelfeldmann Theodor Bräuning sowie die beiden neuverpflichteten Mittelstürmer Christian Stark (21) und … Cemal Sezer (23).

Dass sie ihrem neuen Brötchengeber wertvolle Dienste erweisen können, haben sowohl der vom HSV II an die Kollaustraße gewechselte Stark als auch sein lübscher Sturmpartner bereits unter Beweis stellen können. Beim Sieg des FCSP II am vergangenen Sonntag gegen den Ligakonkurrenten aus Norderstedt hatten Stark und Sezer respektive zwei bzw. einen Treffer zum ersten Pflichtspielsieg der Jung-Kiezkicker in dieser Saison beisteuern können.

Bemerkenswert war an diesem Tag auch gewesen, dass sich Philipkowskis junges Team von der zwischenzeitlichen Führung der Norderstedter in der 54. Minute gänzlich unbeeindruckt gezeigt hatte. Statt dessen gelang es der Reservemannschaft der St. Paulianer, innerhalb von fünf Minuten die Partie zu ihren Gunsten zu entscheiden. „Ich bin super zufrieden, weil wir uns mit der jungen Mannschaft wieder sehr viele Torchancen erspielt haben”, so U23-Coach Joachim Philipkowski nach dem Abpfiff. „Wenn die Jungs so weiterarbeiten, werden wir mit ihnen noch viel Spaß haben.“

Rolf Landerl und seine Pokal-Helden dürfen sich also auf einen Gegner einstellen, der nach diesem letzten Erfolg nicht nur mit viel Selbstvertrauen an die Lübecker Lohmühle reisen wird, sondern der überdies auch noch die Qualität besitzt, ein Spiel in den letzten Minuten zu drehen.

Lübecks Verlust ist St. Paulis Gewinn

Dass Lübecks ehemaliger Mittelstürmer Cemal Sezer hieran einen nicht unwesentlichen Anteil besitzt, ist ein offenes Geheimnis. Am vergangenen Sonntag hatte der mit einem Einjahresvertrag ausgestattete Neu-Paulianer durch eine Torvorlage und einen Treffer sein neues Team mit zum Sieg geführt. In der 10. Minute erreichte Sezers Flanke auf Umwegen seinen Sturmpartner Stark, der nur noch zum 1:0 einschieben musste. Nicht auszuschließen, dass sich dieses Szenario zu Ungunsten des VfB demnächst wiederholt. In der 84. Minute krönte der Ex-VfBer seine Leistung mit dem umjubelten Ausgleichstreffer zum 2:2.

„Ich habe immer gern für den VfB gespielt“, ließ das 2012 vom ATSV Stockelsdorf an die Lohmühle gewechselte Sturmtalent die grün-weiße Fangemeinde Ende Juni 2019 wissen. „Das wissen auch die tollen Fans.“ Auf der Ersatzbank fühle er sich jedoch nicht wohl. „Und nur noch 1000 Minuten in der Saison zu spielen, reicht mir halt nicht mehr.“

Sezer, dessen Freistöße dem VfB bei Standardsituationen Gefährlichkeit verliehen haben, hat sich durch einen Wechsel zum FCSP die Möglichkeit erhalten, eines Tages ins Profigeschäft einzusteigen. „Hier wird richtig was geboten und man hat einen direkten Draht zu den Profis“, so der 23jährige nach seinen ersten Trainingseindrücken.

Als Favorit gesetzt

Gleichwohl bleibt der Fußball ein Mannschaftssport, in dem der einzelne nur dann herausstechen kann, sobald sich zwei gleichstarke Kollektive gegenüber stehen. Der VfB mit seinem starken Kader geht als Favorit in die Partie gegen den FCSP-Nachwuchs. Zehn Siege, vier Unentschieden und zwei Niederlagen in 16 Spielen scheinen die Überlegenheit der Lübecker zu bestätigen. Nichtsdestotrotz dürfen sich Rolf Landerl und seine Mannen auf einen Gegner einstellen, der versuchen wird, ihnen mit unbekümmertem Spielwitz beizukommen.