Ginge es rein nach der Statistik, so könnte der VfB Lübeck dem Heimspiel am kommenden Freitagabend gegen den abstiegsbedrohten Heider SV frohgemut entgegenblicken. An den vergangenen zehn Spieltagen kassierte der Aufsteiger aus Dithmarschen ganze 35 Gegentore und kam insgesamt nur achtmal zum Erfolg. Und auch in der Gesamtbetrachtung hat der VfB die Nase vorn. Von bislang 58 Vergleichen gewann der VfB 31 bei einem Torverhältnis von 114:60. Hinzu kommen 15 Unentschieden und zwölf Siege für den Traditionsverein aus Heide.

Leidenschaft und Sportsgeist als Heider Markenzeichen

Obwohl es sicherlich ins Bild passen würde, so sollte man lübeckerseits nicht der Vorstellung erliegen, den abstiegsbedrohten Aufsteiger von der Westküste mit einem leicht zu öffnenden Adventskalender-Türchen zu verwechseln. Nicht von ungefähr lobte Norderstedts Trainer Jens Martens am vergangenen Spieltag die „mannschaftliche Geschlossenheit“ sowie die kämpferische Moral des kleinen HSV, der sich nach 90 Minuten den Gästen aus dem Hamburger Speckgürtel mit 1:3 hatte geschlagen geben müssen. „Die Heider Mannschaft“, so das Resümee des Eintracht-Coaches, „kniet sich unheimlich rein.“

Auch der VfB Lübeck hat in der Hinrunde der laufenden Saison bereits die Erfahrung machen müssen, dass die Dithmarscher keineswegs die geborenen Sparringspartner sind. Der 4:0-Auswärtserfolg vom 14. August dieses Jahres mag zweifelsohne das Gegenteil suggerieren, allerdings haben die Grün-Weißen den Defensivverbund der Gastgeber erst nach 36 Minuten knacken können.

Der Leidenschaft auf dem Platz folgt die ausgesprochene Fairness der Heider abseits des grünen Geläufs; wobei dem HSV-Übungsleiter Sönke Beiroth eine besondere Würdigung gebührt. Trotz der hohen Niederlage war der Dithmarscher Trainer nach Spielschluss zum Gästeblock geeilt, um den an die Westküste gereisten VfB-Fans noch einige warme Worte auf den Weg zu geben: „Mir war es nach der Negativpresse im Zusammenhang mit dem Auswärtsspiel in Altona ein Bedürfnis klarzustellen, dass ich die Lübecker Fans ganz anders kennengelernt habe. Ich habe, glaube ich, 2013 mit Heide in Lübeck gespielt [Der VfB hatte den Heider SV am 28. Februar 2014 mit 5:2 auf der Lohmühle geschlagen. Anm. d. Red.]. Wir waren damals der krasse Underdog. Ein Abendspiel an der Lohmühle – das war schon ein Erlebnis. Als wir das Stadion verließen applaudierten die Fans. Das war eine tolle Geste und seitdem haben wir uns nicht mehr getroffen.“

Ob sich da vielleicht eine Fan-Freundschaft anbahnt? Was nicht ist, kann ja noch werden!

Alles kann, nichts muss!

Obwohl Sönke Beiroth aus seinen Sympathien für den VfB keinen Hehl macht und diesem zuletzt auch den Aufstieg gewünscht hat, können die Grün-Weißen nicht auf drei sichere Punkte rechnen. Im Umfeld des Heider SV wird die aktuelle Zugehörigkeit zur Regionalliga Nord als ein „Privileg“ angesehen, dessen man sich auch weiterhin erfreuen möchte. Dabei denkt beispielsweise Sönke Beiroth nicht nur an die Flutlichtspiele mit über 2.000 zahlenden Zuschauern, sondern auch die qualitativ hochwertigen Partien: „In erster Linie sehe ich das als Privileg an, gegen Mannschaften wie den VfB oder Bundesligareserven spielen zu können und dort vielleicht noch auf den ein oder anderen Profi zu treffen.“

Nichtsdestotrotz haben sich die Verantwortlichen an der Meldorfer Straße bereits vor Saisonbeginn auf alle nur denkbaren Eventualitäten eingestellt. So hatte sich die Vereinsführung dazu entschieden, der Herausforderung Viertklassigkeit mit dem bisherigen Oberliga-Kader zu begegnen. Nur punktuell wurde der Heider SV mit einigen Spielern aus der Region verstärkt, wobei diese Entscheidung sowohl durch finanzielle als auch durch sportliche Überlegungen vertreten worden war. „Diesen Weg wollen wir auch weitergehen. Das ist wichtig, um im Falle eines Abstiegs auch in der Oberliga wieder Fuß fassen zu können. Wir werden in diesem Jahr immer wieder an unsere Grenzen gehen müssen“, so Trainer Beiroth gegenüber dem Sportbuzzer.

Dass diese Vereinspolitik durchaus noch ihre Früchte tragen kann, zeigt ein kurzer Blick auf die Tabellensituation: Bei einem Spiel weniger rangieren die Heider derzeit punktgleich hinter dem SSV Jeddeloh II, der bis jetzt noch den Relegationsplatz 15 inne hat. Einen sportlichen Erfolg gegen die übrigen Kellerkinder vorausgesetzt, könnten die Dithmarscher ihr Gastspiel in der vierthöchsten deutschen Spielklasse noch verlängern.

Alles kann, nichts muss! Die Dithmarscher können eigentlich befreit aufspielen.

Die sportlichen Grenzen des Heider Modells

Eigentlich. Denn sollte man an der Meldorfer Straße weiterhin an Viertliga-Fußball interessiert sein, so müsste eine substanzielle sportliche Steigerung her. Besonders der Heider Abwehr fehlte bisweilen die Gedankenschnelle, so dass eine Mannschaft mit langen Bällen und einem Edeltechniker in der Spitze gegen die Dithmarscher zum Torerfolg gelangen konnte.

Das andere große Manko der Heider war darüber hinaus die mangelnde Torgefahr. In den vergangenen zehn Partien konnten die „Schwarzhosen“ nur achtmal erfolgreich einnetzen, während HSV-Schlussmann Franzenburg 35mal hinter sich greifen musste. Gut möglich also, dass die Dithmarscher ihr schon traditionelles 3-5-2 sehr defensiv auslegen werden, um den VfB Lübeck möglichst lange hinzuhalten. Es könnte ein Geduldspiel drohen.