Heimpartien gegen die Reservemannschaften namhafter Erst- oder Zweitligisten ähneln zuweilen den gelegentlichen Besuchen entfernter Anverwandter: Sie sind selten, für alle Beteiligten unangenehm und Stimmung möchte auch nicht so richtig aufkommen. Nicht viel anders wird es wohl werden, wenn am kommenden Sonntag die Zweitvertretung des SV Werder Bremen auf der Lohmühle aufschlagen wird. Während das von Konrad Fünfstück trainierte Nachwuchsteam auf dem Rasen ein fußballerisches Feuerwerk abbrennen könnte, wird es im Gästeblock etwa so stimmungsvoll werden wie in einem Trappistenkloster.  

Immer wieder beeindruckend

Die atmosphärische Null-Diät neben dem Platz wird indes durch das Können aufgewogen, dass die Jung-Werderaner regelmäßig auf dem grünen Geläuf zur Schau stellen. Daran ändert auch die überraschende Niederlage gegen den 1. FC Eintracht Norderstedt vom vergangenen Spieltag nichts, als die Bremer daheim eine 1:0-Pausenführung aus der Hand geben sollten (Endstand: 1:3).

Denn, wie jede andere Reservemannschaft auch, haben die Werderaner nach der Spielzeit 2018/19 einen massiven Personalumbruch erlebt. 18 Spieler haben der Bremer Nachwuchsabteilung den Rücken gekehrt; darunter auch Jonah Osabutey, der in der abgelaufenen Saison zwölf Tore für die U23 erzielen konnte und nun an den belgischen Erstligisten Royal Mouscron ausgeliehen worden ist. Einzig Torwart Luca Plogmann und Linksaußen Kevin Schumacher besitzen auf Bremer Seite noch Erinnerungen an den VfB Lübeck; gehörten sie doch zu jener Mannschaft, die sich den Hansekickern am 3. Mai 2019 mit 0:2 geschlagen geben musste.

14 neue Akteure wiederum, darunter sechs Eigengewächse aus der U19, mussten in den neuen Regionalliga-Kader integriert werden. Dass die Bremer unter diesen Prämissen nach wie vor im oberen Tabellendrittel der vierthöchsten deutschen Spielklasse anzutreffen sind, ist mehr als beeindruckend.

Gleichwohl hat die aktuelle Saison auch bereits gezeigt, dass das Werderaner Nachwuchs-Modell den Erfolg nicht gepachtet hat. Nach zwölf Spieltagen weist die Bilanz der Grün-Weißen von der Weser bereits drei Unentschieden und drei Niederlagen aus, wobei es sich bei den Gegnern nicht immer um die erste fußballerische Garde gehandelt hatte. Während die Pleiten gegen die Zweitvertretungen der KSV Holstein (2:5) und des VfL Wolfsburg (0:2) noch einigermaßen entschuldbar gewesen waren, dürften die Unentschieden gegen den HSC Hannover und den FC St. Pauli II die SVW-Verantwortlichen nachdenklich gestimmt haben.

Für Trainer Konrad Fünfstück (Foto) sind diese Rückschläge jedoch Teil eines Entwicklungsprozesses, die jede junge Mannschaft zu durchlaufen habe. „Die Niederlage“, so Fünfstück kurz nach dem Misserfolg gegen Norderstedt, „wird uns aber nicht umwerfen.“

Im Dienste des großen Ganzen

So viel Pragmatismus mag verblüffen; bestünde doch in dieser Saison die Möglichkeit, als Nord-Meister direkt in die Dritte Liga aufzusteigen. Auf die Frage eines Reporters des Internetportals DeichStube, ob die Vereinsführung den Aufstieg in die nächsthöhere Spielklasse als Saisonziel ausgegeben habe, lautete Fünfstücks lapidare Antwort: „Nein.“

Wichtig sei „allein“, dass sich die Spieler in Richtung Bundesliga entwickelten, ihr Maximum abriefen, Professionalität an den Tag legten sowie „Begeisterung und Ehrgeiz“ zeigten. „Was am Ende dabei herauskommt“, so Trainer Fünfstück resümierend, „wird man sehen. Wir tun gut daran, kleine Schritte zu gehen. Denn viele Spieler aus dem 2000er-Jahrgang, die jetzt in die U23 hochkommen, müssen sich erstmal im Profi-Fußball zurechtfinden. Das geht nicht von heute auf morgen. Auf einmal spielen sie gegen gestandene Profis, die aus der zweiten oder dritten Liga kommen – da brauchen die Jungs schon eine gewisse Adaptionszeit.“

Wie schon sein Vorgänger Sven Hübscher, der mittlerweile beim Drittligisten Preußen Münster von der Seitenlinie aus die Fäden zieht, sieht sich auch Konrad Fünfstück als einen Weiterentwickler. Jeder Spieler, der für die U23 auflaufe, sei demnach „ein Projekt“, das es intensiv zu fördern und voranzubringen gelte. „Jabba-ja-ja-jippie-jippie-jeeh”, möchte man vor Verzückung ausrufen.

Doch als Reminiszenz auf die Hornbach-Werbung sind die Worte Fünfstücks nicht zu verstehen. Vielmehr lautet sein Ziel, möglichst viele junge Talente an den Bundesliga-Kader heranzuführen. „Und ich kann sagen“, so Werders U23-Coach im Interview mit der DeichStube, „dass wir wieder ein paar spannende Jungs im Team haben. Letzten Endes liegt es dann an jedem selbst, was er aus sich macht. Jeder Spieler ist der Regisseur seines eigenen Lebens. Und wir Trainer sind nur die Werkzeuge.“

Disziplin hinten, Kreativität vorne

Seit dem Trainerwechsel vertritt bei den Jung-Werderanern die Ausbildungsphilosophie gleichsam auch das Spielprinzip. Wie Fünfstück unlängst die Leserschaft der Deichstube wissen ließ, funktioniere Fußball nicht „auf Knopfdruck“. „Als Trainer musst du einem Spieler Lösungsmöglichkeiten mitgeben, aber auf dem Platz braucht der Spieler Kreativität und Freiheit – gerade in der Offensive. In der Defensive ist das etwas anderes, […] da will ich gewisse Handlungs- und Bewegungsabläufe sicherstellen. […] Ein Spieler […] muss seine Fähigkeiten auch ausleben können […]. Sei es ein Dribbling, ein Abschluss, eine Eins-gegen-eins-Situation. Jeder Spieler hat doch etwas Besonderes, und dieses Besondere muss er auch zeigen dürfen. Das ist mein Credo.“

Und so dürfte der Werder-Nachwuchs wohl auch auf der Lohmühle auftreten. Ein offensives 4-3-3 könnte in der Spitze für den einen oder anderen Kreativmoment sorgen, wobei der VfB insbesondere den neuen Linksaußen Kebba Badije (sieben Treffer in dieser Saison) und Mittelstürmer Luc Ihorst auf dem Zettel haben muss.

Die letzte Partie des SVW II gegen die Eintracht aus Norderstedt hat indes auch gezeigt, dass die Bremer bei Distanzschüssen verwundbar sind. Eine konzentrierte Abwehr-Leistung bei gleichzeitig effektiver Chancenverwertung könnten für den VfB Lübeck die Schlüssel zum Erfolg darstellen.